Foto: Nan Palmero, flickr.com, CC BY 2.0

360​-Grad-Videos – Produktion und Anwendungen

Möchte man dem ein oder anderen Marketing- oder Journalismus-Guru glauben schenken, wird 2016 das Jahr des 360​-Grad-Videos. Und sicher: Wer das gehypte Thema ganz nüchtern betrachtet, wird schnell feststellen, dass Virtual Reality (VR) / 360°​-Videos Potentiale für Publisher und Unternehmen haben. Schauen wir uns einmal an, wie die Produktion abläuft, was technisch zu beachten ist und in welchen Bereichen sinnvolle Anwendungen stecken.

Nutzung

Die Technologie ist quasi für Jedermann nutzbar. Mit einem aktuellen Browser oder neuen Smartphone sind 360-Grad-Videos abspielbar. Durch Mausbewegung / Tastensteuerung bewegt der Nutzer das Bild. In der YouTube-App wird durch Drehen des Smartphones der begrenzte Bildausschnitt geändert.

Woman Using a Samsung VR Headset at SXSW
Foto: Nan Palmero, Flickr, CC BY 2.0

Cardboard oder VR-Brillen* sind da die eindeutig schönere Variante, weil sie ein besseres Nutzungserlebnis bieten. Hier bekommt durch die Brille jedes Auge ein separates Bild zu sehen, wodurch wir im gesamten Sichtfeld das Video sehen. Durch die Kopfbewegung wird der Bildausschnitt geändert. Längere Videos können jedoch ein Problem für Leute sein, die zur Bewegungskrankheit neigen. Unser Gleichgewichtssystem ist nicht an die 360-Grad-Videos gewöhnt. Bekannt ist dieser Effekt aus 3D-Filmen. Der Effekt kann bei 360-Grad-Videos minimiert werden, indem Bewegungen nur sehr langsam und kontrolliert gedreht werden. Wichtig ist zudem, dass der Horizont eben ist. Längere Aufnahmen können bei VR-Brillen schweißtreibend sein.

Anwendungen für 360​-Grad-Videos

Bild experimentiert immer wieder mit neuen Erzählformen und Formaten. Jetzt entstand eine erste 360°-Reportage:

Das Making of:

Weitere mögliche Einsatzzwecke für Unternehmen und Publisher (Liste unvollständig):

  • Aufnahme von Konzerten (Zuschauer steht in der ersten Reihe oder sitzt im Orchester)
  • Besondere Landschaftsaufnahmen
  • Blicke hinter Kulissen, die der Zuschauer sonst nicht bekommen könnte (z.B. im Führerstand eines Zugs, auf dem Vorfeld eines Flughafens, auf einem Windrad)
  • Musikvideos: Zuschauer ist Teil des Films.
  • Journalistische Formate wie Reportagen (für News/Tagesaktuelles eher ungeeignet)
  • Übertragung von Live-Events, z.B. Sport-Ereignissen.
  • Verkaufsfördernde Videos: Kunde kann sich in der Küche bewegen, die er zusammengestellt hat; kann sich das Restaurant anschauen, das er besuchen will; kann eine Wohnungsbesichtigung aus der Ferne durchführen.

Produktion von 360​-Grad-Videos

Die 360°-Produktion ist (natürlich) anders als die klassische Filmproduktion. Wir gehen hier nicht an eine Handlung ran, sondern zeigen eine komplette Szene. Der Zuschauer kann sich selbst bewegen und somit entscheiden, wo er hinguckt. An jeder Position muss ihm etwas zum Schauen geboten werden. Wir inszenieren somit den Raum und keinen Bildausschnitt.

Nicht jedes Thema eignet sich für diese Technik. Eine Gefahr ist, dass der Zuschauer nicht weiß, wo er hinschauen soll und im Kreis nach etwas Interessantem sucht, oder das Sehenswerte auf einen Ausschnitt konzentriert ist und der Zuschauer das Gefühl hat, nicht wirklich Teil der Geschichte zu sein bzw. etwas zu verpassen. In diesem Fall hätte der Film besser klassisch mit fester Kadrierung gedreht werden können. Es kann auch passieren, dass die Immersivität der 360°​-Videos nur als Gimmick eingesetzt wird, wie bei 3D-Filmen leider oft der Fall ist und kein Mehrwert durch die veränderte Erzählform entsteht.

Insgesamt ist die komplette Produktion aufwändiger (Material-Koordination, Stitchen in der Postproduktion, etc.). Der Ton ist wichtig. Durch Umgebungsgeräusche kann der Fokus der Nutzer gelenkt werden. Dies alles ist bei der „Choreografie der Raumsituation“ zu beachten.

Kameras für 360​-Grad-Videos

Es gibt z.Z. zwei etablierte Verfahren: Mehrere 2D Kameras nehmen zusammen in einem Rig die Umgebung auf. Diese einzelnen Videos werden in der Postproduktion beim Stitchen in ein einziges 360°-Video zusammengefügt. Hier ist z.B. 360 PLUG-N-PLAY GoPro rig ein Modell. Es gibt aber auch „all-in-one“ 360°-Kameras, in denen bereits mehrere Linsen und Sensoren verbaut sind und in denen die einzelnen Videos automatisch zusammengefügt werden, wie z.B. bei der Ricoh THETA S* oder der Kodak PIXPRO SP360*. Momentan bringen viele Hersteller im Wochentakt neue Produkte auf den Markt*. Es bleibt spannend, was noch so kommt. Der Preis wird mittelfristig natürlich auch fallen.

Die Tonaufnahme erfolgt im Stereoverfahren. Idealerweise i.d. Nähe der Kamera (versteckt), z.B. mit einem Zoom Recorder*.

Welche Erfahrungen haben Sie mit 360°-Filmen gemacht?

 

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